Wohin wir gehen

In letzter Zeit taucht er immer wieder auf. Ploppt wie eine ungewollte Internetanzeige in meinem Kopf auf und belästigt mich. Wirft mich mit seinen Fragen aus der Bahn. Diese Fragen, die einem schwitzige Hände und Herzklopfen bringen. Bedrängt mich und wartet ungeduldig auf eine Antwort.

Der Gedanke über meine Zukunft. Eigentlich will ich meine wertvolle Zeit noch nicht darauf verwenden. Eigentlich habe ich ja noch genug Zeit, bis mich die Zeit ereilt und eine Entscheidung erwartet. Eigentlich will ich doch im hier und jetzt leben, genießen, zu viel schlafen, mal tagelang das Bett nicht verlassen, lieber in der Sonne sitzen statt produktiv zu sein und mit meinen Turnschuhen bis zur Morgendämmerung, ja vielleicht sogar Mittagsstunde im Club zur Musik stampfen. Doch manchmal, ja manchmal steht er einfach im Raum, dieser Gedanke. Ohne angeklopft zu haben, ganz plötzlich und unerwartet. Und dann beschäftige ich mich doch mit meiner Zukunft. Nicht so essentiell, eher ein bisschen abstrakt, aber dennoch verschwinde ich in meinem Kopf aus dem Hier und Jetzt und erkunde Visionen und Möglichkeiten meines eigenen Seins.
Träume und Wünsche paaren sich in meinem Kopf mit Erwartungen und Ängsten und lassen das Herz noch schneller schlagen, die Hände noch schwitziger werden und mich schwer schlucken. Der Schluss, das üble Fazit, was sich mir nach diesen Gedankenausflügen nie entziehen kann, ärgert mich. Macht mich traurig. Es ist auch der Grund, der mir diesen Gedanken schon verdüstert, bevor ich mich überhaupt mit ihm befasst habe. Ängste lassen Träume klein werden. Erwartungen entzaubern Wünsche. Befangenheit schränkt ein, auch in kurzzeitigen kleinen Visionen über mein zukünftiges Ich. Die Ratlosigkeit, die mich jedes Mal ereilt, wirft eine ums andere Mal immer wieder dieselbe Frage auf: Warum fürchte ich mich so vor meiner Zukunft und davor neue Wege zu gehen?

Etwas, was mich seit langer Zeit nicht loslässt: das Loslösen. Das Loslösen von gesellschaftlichen Normen und Erwartungen. Das Loslösen von den eigenen Ängsten und Zweifeln. Das Loslösen vom eigenen Weg. Die Zukunft als etwas großes und schweres, einen dunklen und unveränderbaren Zustand anzusehen, davon muss ich mich befreien. Und ja, das Loslösen ist schwer. Man schmiedet Pläne, hat Vorstellungen, Ideen und Ziele, die man verfolgt und die Ängste vor Versagen und Stagnation hervorrufen. Ängste, die irgendwann so lange Stacheln haben, dass sie dich auch erreichen, wenn du versuchst sie in die kleinste und dunkelste Ecke deines Kopfes zu verbannen. Doch woher rühren diese Ängste? Sind es doch eigentlich nur kleine, gemeine Ausgeburten unserer persönlichen Zweifel, die an uns nagen. Die uns hinterfragen lassen, ob wir unsere Träume erfüllen können, oder klein und ungesehen in ihnen untergehen und am Ende, in unserer Zukunft, vor einem riesigen Scherbenhaufen sitzen, verzweifelt und perspektivlos. Aber, und das sollte ich mir als kleinen gelben Klebezettel gut sichtbar als Notiz an mich selbst in meinem Kopf anpinnen, der Weg den wir gehen, ist nicht unabänderlich. Die Richtung, in die ich mich gerade bewege, kann ich morgen schon ändern, kann zurückgehen, kurz stehen bleiben und innehalten und rasant links oder rechts ins nächste Ungewisse stürzen.
Vielleicht sollte ich in meinen Gedanken über die Zukunft nicht darüber fürchten, ob ich die großen Träume meines Lebens erfüllen kann, sondern darüber nachdenken, wie ich sie erreichen kann, wer ich sein will als mein zukünftiges Ich. Meine Pläne für neue Wege schmieden und die Furcht des Versagens endlich ausklammern. Furcht behindert, legt sich wie ein regnerischer Schauer über das Hier und Jetzt und hilft doch bei nichts. Stattdessen doch endlich anpacken und loslegen. Die Zwänge gesellschaftlicher Erwartungen und eigener Zweifel, die man doch so schwer loswird wie schlechte Angewohnheiten, die einem anhaften, in Kisten verpacken und ganz weit unters Bett stellen, bis man bei der nächsten Entrümpelung vielleicht endlich dazu bereit ist, sie zu entsorgen. Ent-Sorgen – mein Plan für die Zukunft und den Gedanken über die Zukunft, wenn er dann einmal wieder vorbeischaut und wissen will, wohin ich gehe.

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