Einfach mal den Mund halten

Diesen Gedanken trage ich nun schon eine Weile mit mir herum. Immer wieder wird er lauter, präsenter in meinem Kopf, um dann wieder für eine kleine Zeit in den Untiefen meines Gehirns zu verschwinden. Und immer wieder gibt es einen Auslöser, einen kleinen oder großen Wutmacher, der mich wünschen lässt, dass Meinungsfasten populär wird. 

Der Stein, der dieses Mal alles wieder ins Rollen gebracht hat, war ein Kommentar unter einem Artikel zum Thema Antisemitismus und wie eben dieser in unserer Gesellschaft noch immer seinen Platz hat – so stark, dass sich Juden Aufgrund der aktuellen Ereignisse in Deutschland nicht mehr sicher fühlen. 

„Also ich als Jude würde mich hier nicht bedroht fühlen.“

Vielleicht, sogar wahrscheinlich wurde es unüberlegt verfasst und hinaus ins Internet geschickt. Wahrscheinlich hatte der Verfasser gar keine böse Intention, wollte eben nur einmal seine Sicht der Dinge darlegen. Doch wie kann man eine Sicht auf Probleme und Situationen haben, in denen man sich nie befunden hat, NIE befinden wird?

Der besagte Kommentar war das Paradebeispiel des Problems, meines Problems, denn er spiegelte so wunderbar die Ansicht so vieler Menschen wider. Die Ansicht, Dinge besser zu wissen, die man rein logisch gar nicht besser wissen kann. Weil man sich nicht in die Situation einfühlen kann. Weil man nicht betroffen ist. Weil man es einfach nicht besser weiß. 

„Ich kann zwar kein Spanisch, aber ich glaube, dass das lieben heißt.“

Was soll dieses Kommentar bringen? Wem soll es nutzen? Die Mode, sich ohne entsprechendes Wissen zu äußern, muss doch nicht sein. Von solch inhaltsleeren Kommentaren profitiert niemand, nur das Bedürfnis sich unbedingt beteiligen zu müssen.

Das Phänomen zieht sich durch alle Debatten – gesellschaftliche, politische, ernährungswissenschaftliche. Und immer wieder gibt es das selbe Muster: große Beteiligung mit wenig Inhalt. In unseren Zeiten des Internets fühlt sich jeder dazu animiert, scheinbar sogar in der Verantwortung, seine Meinung kundzutun. Die Kommentarspalten sind voll, noch nie war es so einfach, noch nie so ungefiltert. Keine Instanz mehr da, die prüft, wie relevant, wie demokratisch, wie liberal, wie sachlich die Beteiligung ist. Und ein kurzer Blick genügt um festzustellen, dass qualifizierte Beiträge neben mangelnder Sachlichkeit und stabilem Halbwissen rar sind. 

Das Herumschleudern von solchen Kommentaren mag per se nicht schlimm sein. Gefährlich wird es nur, wenn Kommentarspalten dazu missbraucht werden rassistische, sexistische, antidemokratische oder antisemitische Ansichten zu publizieren. Wenn solche Ansichten mit gefährlichem Halbwissen gepaart verbreitet werden und diese inklusive ihrer Meinungsträger ungehindert in den Tiefen des Netzes erstarken und wachsen können.

„ja, aber Meinungsfreiheit.“

NEIN!

Meinungen, die den Rechten anderer schaden, sollten dringend überdacht werden. Meinungen sollten nicht aus irgendeinem wagen Gefühl heraus entstehen, sondern aus Wissen und vor allem sollten Meinungen sachlich argumentiert werden, statt mit unverbesserlicher Manier auf Durchzug zu schalten, wenn die eigene Meinung plötzlich nicht von allen anstandslos akzeptiert und hingenommen wird.
Wer nichts zu sagen hat, sollte einfach mal den Mund halten, einfach mal über den Wert seines eigenen Beitrags nachdenken, bevor Worte auf den Weg in die Finger geschickt werden. Ich wünsche mir wieder mehr Reflexion, auch über die eigenen Normen und Werte, die man in solchen Diskussionen breit und laut vertritt und darüber, ob man die vielleicht auch mal besser stumm für sich behalten sollte. 

Mit diesem großen Informationsfluss, dieser Breite und Schnelle von Wissen, haben wir eine Chance, die wir dringend besser verwenden sollten, statt uns in halbwissenden Meinungen zusammenzurotten. Vielmehr sollten wir das Internet doch nutzen, um uns zu bilden, unser Wissen zu erweitern, damit wir unser großes Bedürfnis der Meinungsäußerung auch in Diskussionen ausleben können. Und wer dazu nicht bereit ist, nicht im Stande ist und vehement mit leeren Schwachsinnskommentaren um sich wirft: bitte einfach den Mund halten. 

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