Kopf über Lärm

Mir brummt der Kopf. Ich sitze auf der Couch und versuche meine Augen zum Stillstand zu zwingen. Sie bewegen sich zu schnell in ihren Höhlen, lassen die Welt vor ihrer Tür schwanken und mich schwindeln. Ich frage mich, wie viel heute schon durch die Schlucht zu meinem Magen geflossen ist. 

Konzentriert lasse ich meinen Blick nach oben wandern. Irgendwo spielt Techno. Der dunkle Beat schwingt matt durch den Raum, lässt alles, was er berührt durch seine sanften Bewegungen kribbeln. Vor meinen Augen bewegen sich Körper zur Musik. Gleichmäßig zwingt der Beat sie von einem Bein auf das andere, manche lassen ihre Arme durch die Luft gleiten, zeichnen mit Fingern Klangflächen ins Nichts. 

Auch meine Freunde sind Teil der tanzenden Masse. Rhythmisch stampfen sie durch den Raum. Ich beobachte sie dabei. Wie sie sich fallen lassen können. Leicht sieht es aus. Immer haben sie ein Grinsen auf dem Gesicht, lassen die Bierflaschen mit Fremden aneinander klirren und Gespräche scheinen immer so einfach. Ich frage mich, wie sie das anstellen. Immer wieder. Für mich ein nicht zu lösendes Rätsel, selbst für meinen nüchternen Kopf, wenn sich die Gedanken nicht ständig miteinander verknoteten. Das einzige Wort, was in meinem vernebelten Gehirn dazu sichtbar wird, ist Stress. Ich finde es mühsam und anstrengend, Smalltalk mit fremden Menschen oder seichten Bekannten führen zu müssen. 

Meine Augen werden von den bunten Lichtern gefangen, die mit ihren Farben über Wände und Boden laufen und dabei immer wieder die tanzenden Personen streifen. Die einzelnen Lichtflecken brennen sich auf meine Netzhaut. Wieso hatte ich immer ein Gefühl der Anstrengung? Wieso wehrte sich mein ganzer Körper so vehement gegen die Außenwelt? 

So oft, wie ich das allein sein allem anderen vorzog, verwunderte ich mich selbst immer wieder, wenn ich auch mal in lauten und betrunkenen Mengen untergehen konnte. 

Manchmal bin ich gern unterwegs. Manchmal genieße ich es, umgeben zu sein von Gesichtern und belanglosen Worten. Dann ist es wie Urlaub, den ich machte, vom eigenen Ich, wenn ich mich ganz davon entferne so nachdenklich, so leise zu sein. Ein kleiner Ausflug in die laute Expressive, ins Fallen lassen, bevor ich wieder ganz zu mir zurückkehre.

Trotzdem kriecht die Erschöpfung irgendwann in Körper und Kopf. Dann will ich einfach nur noch weg, aufspringen und die Situationen verlassen, wie ein scheues Tier, das seiner lärmenden Umgebung entkommen will. Nichts genieße ich so sehr, wie die Ruhe, die ich habe, wenn ich alleine bin. Ich werde unsicher, wenn mich die Überforderung überkommt und ich mich nach langen Sozialinteraktionen ausgezehrt fühle, leer irgendwie, statt von dem Ganzen das gute Gefühl mitzunehmen und davon zu profitieren.

Muss ja eigentlich nicht sein, versuche ich mir zu sagen und gleichzeitig das farbenfrohe Geschehen um mich herum wieder lauter werden zu lassen. Meinem angetrunkenen Zustand klarzumachen, dass es nicht gleich Stress bedeutet sich zu integrieren, funktioniert gut. Maßgebliche Mechanismen in meiner Entscheidungsfindung sind gelähmt, außer Funktion gesetzt und ersetzt durch zuversichtlicher Leichtigkeit. Langsam weitet sich mein Mund zu einem Lächeln. Mein schwindelnder Kopf passt sich seiner schwankenden Umgebung an und bewegt sich im Rhythmus der Musik. Die Welt dreht sich angenehmer, wenn man vermeintliche Unannehmlichkeiten ausblendet.

Meine Freunde sitzen inzwischen neben mir auf der Couch, haben mich in ihre Mitte genommen und verteilen kleine schmale Gläser auf dem Tisch vor uns. 

„Und was ist mit dir?“ Eine Sitznachbarin sieht mich erwartungsvoll an. Meine Augen blicken verwirrt aus ihren Höhlen in die Runde. Das Gedankenchaos der letzten Minuten hatte mich taub gemacht für das Geschehen.

„Was?“, fragte ich laut, um die wabernden Acid-Synthies zu übertönen.

„Willst du auch einen Kurzen?“

„Oh, na klar.“

Der Schraubverschluss einer Flasche quietscht leise. Im nächsten Moment verteilt sich grüne Flüssigkeit gleichmässig auf die kleinen Gläser. Hände greifen nach dem Schnaps, auch meine Finger ergattern ein Glas. Es riecht nach Zahnpasta.

„Na dann, auf uns und unseren Abend.“, rufe ich laut in die Runde. Gläser klirren aneinander, Pfeffi schwappt über Hände und Tisch. Um mich herum schwirrt die Luft von Prost-Ausrufen, während der Alkohol heiß meinen Rachen hinunterläuft. 

Beitrag erstellt 16

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Verwandte Beiträge

Beginne damit, deinen Suchbegriff oben einzugeben und drücke Enter für die Suche. Drücke ESC, um abzubrechen.

Zurück nach oben