Leipzig Storys Pt. I

Ich sitze hier und starre mit zusammengekniffenen Augen auf mein Glas. Eine Scheibe Gurke schwimmt in der durchsichtigen Flüssigkeit. Kleine Blasen lassen sie im schummrigen Licht der Küche glitzern. Ich bin müde. Mein Kopf hängt schwer auf meinen Schultern und versucht sich der Schläfrigkeit zu entziehen. 
Es ist Freitag, halb eins und wir sitzen zu fünft in der muffigen WG-Küche. Rauch wabert durch den Raum und gibt der Szenerie ein noch ermüdenderes Ambiente. Die Freitagseuphorie, die mich noch wenige Stunden zuvor durchströmt hat, ist verschwunden. Vor meinem Auge verschwimmt das Glas, Gesprächsfetzen reißen ab. Ist es zu früh, um nach Hause zu gehen?
Und dann liegt sie plötzlich da, weiß und schön. Ganz fein glitzert sie im gelben Licht der Glühbirne. Ein Strohhalm wandert durch die Runde, erreicht auch mich. Schniefen, dann brennen.
Meine Nase juckt. Mit einem Zeigefinger drücke ich das Nasenloch zu, ziehe, schiebe nach. Und dann schiebt es endlich mich. Es zieht mich auf meinem Stuhl nach oben. Plötzlich bin ich durstig und stürze meinen Gin hinunter. Es prickelt in meinem Rachen, verbindet sich mit der bitteren Taubheit, die langsam aus meiner Nase hinunter kriecht. Ich bin mir nicht sicher, ob mir das gefällt.
Mit der einsetzenden Energie hält es mich nicht mehr auf dem Stuhl. Irgendwer hat Musik angemacht und ich funktioniere die Küchenfliesen zum Dancefloor um. Der Sound treibt mich an, rhythmisch schickt es mich von einem Bein auf das andere. Synthesizer fordern meine Arme und Hände auf. Sie malen Wirbel und Wellen in die Luft und machen die Musik sichtbar.
„Lass uns heute noch tanzen gehen.“, sage ich mit geschlossenen Augen und tanze um den Tisch herum, an dem meine Freunde noch immer sitzen. 
„Du bist doch schon am tanzen.“ Rauch begleitet die Worte in die Luft. 
„Ach komm schon. Es ist schließlich Freitag.“

Der Abend zeigt sich warm, fast heiß. Gierig sauge ich die Luft in meine Lungen. Die Stadt riecht abgestanden, wie immer im Sommer. Ungeduldig hüpfe ich in meinen schwarzen Turnschuhen über den Asphalt. Eine Straßenecke hat uns aufgehalten. Nicht alle wollen tanzen gehen und die Ecke war zum Abschiedsort geworden. Ein Gespräch verfängt sich. Zwischen bleiben und gehen. Wir verharren, ich tanze, ohne Musik und nur von Ungeduld angetrieben. 
Nach einer Ewigkeiten tragen unsere Füße uns weiter. Meine Energie ist nicht gebändigt, nicht verschwunden. Sie wird gesteigert durch die Vorfreude auf den feuchten Innenraum des Clubs, auf schwitzende Körper, die im Interesseneinklang einen Raum einnehmen.
In der Schlange kommen wir zum stehen. Der Sommerabend hat viele vor den Club getrieben. In der Luft hängen Gespräche und Lachen und ein Flirren. Elektrisch aufgeladene Luft von der Euphorie des Bevorstehenden. Ein Kopf neigt sich zu meinem Ohr.
„Ich hab noch ein Teil. Hast du auch Lust?“ Meine Augen huschen zu seinen. Ein Grinsen bringt sie zum Leuchten. Ich nicke und fange wieder an zu tanzen, von einem Bein auf das andere.
„Auf jeden.“ Meine Stimme fällt in einen Singsang.
„Dann vierteln wir.“, sagt er und reicht mir im nächsten Moment ein Stück einer hellblauen Pille.
Während mein Körper sich auf das Kommende einstellt, rücken wir Richtung Clubtür vor. Eine Security wirft einen Blick auf unsere Ausweise, bevor wir durch die heilige Tür gelassen werden. Wir treten ein und sofort umhüllt uns Musik. 
Mit dem Bass im Gleichschritt bewegen wir uns über den Hof. Menschen sitzen unter den bunten Lichtern. Ich verstehe sie nicht, verstehe nicht, wie man trotz des treibenden Beats sitzen kann. Ich will endlich tanzen. Noch eine schwere Tür, ein Vorhang und schon stehen wir im Clubraum. Flackerndes Licht zuckt von der Decke. Tanzende Körper ergötzen sich an den Klängen, die der DJ aus den Boxen in den Raum schickt.
Noch während ich mich in die Menge schiebe, werde ich in eine andere Dimension katapultiert. Ein innerer Urknall befördert mich eine neue Gefühlswelt. Plötzlich ist alles um mich herum in Seide gepackt. Euphorisch reiße ich die Arme in die Luft und bewege meinen Körper zur Musik. Ich fließe durch die Bewegungen. Die Luft fühlt sich weich an, alles fühlt sich weich an. Die Klänge legen sich um mich. Wie eine warme Decke umarmen sie mein endorphingeladenes Ich.
Die Stunden vergehen wie Sekunden in meiner warmen Umwelt. Tanzend gleite ich durch die Zeit, der Bass ist meine Begleitung. 
Irgendwann wird das Grinsen in meinem Gesicht müde, ich werde müde, obwohl ich es nicht sein will. Ich will mich nicht aus meinem wohligen Glückskokon heraus bewegen. Doch die Energie des Abends ist verbraucht. Meine Freunde tanzen nur noch matt neben mir.
„Wollen wir gehen?“ Meine Frage klingt wenig überzeugend. Müde Schultern zucken durch die Runde.
„Sonnenaufgang auf dem Fockeberg?“ 

In der Morgensonne treten wir den Rückweg an. Die Stadt schläft noch, die Straßen sind leer. So habe ich sie am liebsten. In den Morgenstunden bevor die Welt aufsteht, steht für einen Moment die Zeit still.
Die Luft ist kühl und trocknet den Schweiß auf der Haut. Ich halte mein Gesicht in die Morgensonne. Sie brennt noch nicht, holt mich stattdessen sanft zurück in die Wirklichkeit. Mit jedem Schritt rinnen die Überreste des Abends aus mir. Ich vermisse meine Euphorie schon jetzt, will zurück in den Clubraum und mit Gleichgesinnten im Glück baden. 
Für einen Moment drückt mich etwas herunter. Ein schweres Gefühl macht sich in mir breit. Meine Füße sind plötzlich müde. Die Sonne, die eben noch so sanft war, wird unerträglicher und ich habe Durst. Auf den Fockeberg laufen; was für eine dumme Idee. Mein Bett ist so weit weg von hier. 
Dann lichten sich die Bäume und der Blick über die Stadt wird freigegeben. Die Dächer strahlen golden in der Morgensonne, das Licht blendet meine Müdigkeit, trickst sie und meine Niedergeschlagenheit aus. 
Wir setzen uns an den Rand und zünden uns eine Zigarette an.
„Voll schön.“, sagte ich mit geschlossenen Augen.
„Sollten immer herkommen, nach dem Club. Der Anblick vertreibt jeden Kater.“
Ich nicke, ziehe noch einmal an der Zigarette. Dann öffne ich die Augen, versuche mir alles genau einzuprägen. Festzuhalten. Die Sonne kitzelt auf meiner Haut. Ich muss lächeln. Neuer Glückskokon, hier über den Dächern der Stadt.

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