Trennfuge

Sie bog in die Einkaufsstraße ein. Die Sonne blendete, sodass sie ihre Hand wie einen Schirm vor ihre Augen halten musste, um sehen zu können, wo sie hinlief. Das Kopfsteinpflaster war hier gefährlich. Die Steine waren nach dem Krieg unregelmäßig, spärlich verlegt worden. Breite Fugen warteten auf Füße, die sie zum Stolpern bringen konnten. 
Ihr Blick wanderte an den Schaufenstern der kleinen Läden vorbei. Sie wusste nicht, warum sie überhaupt hier entlang ging. Viele der Geschäfte hatten geschlossen, in den übrigen war die Auslage kaum einen Blick wert. Trostlos war das Wort, dass ihr bei diesem Anblick einfiel. Alles wirkte grau, uniformiert und alles andere als einladend.
Im vergangenen Jahr hatte sich das Bild der Stadt geändert. Die Folgen des letzten Sommers hatten sich langsam eingeschlichen. Es war wieder freudloser geworden. Plötzlich waren bis dahin so alltägliche Dinge unmöglich, alltägliche Gegenstände zu besonderen Trophäen geworden.
Sie erinnerte sich daran, was ihre Mutter erzählt hatte, über die Jahre der Entbehrungen, in denen man täglich darum bangen musste, überhaupt etwas in den Magen zu bekommen. Dunkel zeichneten auch die Nachkriegsjahre eine Erinnerung von Abhandensein, von Mangel in ihr. Es waren Zeiten von allgegenwärtiger Angst, von einer alles einnehmenden Unsicherheit darüber, wie die Zukunft aussehen würde. Ihre Kindheit war nicht etwas, was als schön bezeichnet werden konnte. Nichts Freies, nichts Sicheres.
Dagegen war heute eine Nichtigkeit. Sie kam sich schäbig vor mit ihren Gedanken, immerhin hatten alle genug, konnten ein Leben führen, indem der Alltag nicht ständig von Fliegerangriffen unterbrochen wurde. Immerhin hatte sich Sicherheit breit gemacht.
Doch sie konnte ihren Kopf nicht zum Innehalten bringen. Der Frust über den Hergang der letzten Jahre und Monate war zu groß. Gerade noch ist das Gefühl der ständigen Gefahr, die Angst am Schwinden gewesen, hatte langsam das Gewicht auf ihnen verringert und begonnen sie zu erleichtern. Heute war alles um Jahre zurückgeworfen.
Sie geriet ins straucheln. Ihre Schuhspitze hatte sich in einer der breiten Fugen verfangen, während sie ihren Gedanken nachgehangen hatte. Für einen Moment war sie im freien Fall, ruderte hilflos mit den Armen, bis ihr Gleichgewicht sie wieder auffing und sie aus dem Sturz rettete. Sie atmete laut aus, strich ihre schwitzigen Hände an ihrem grauen Rock ab.
Angst. Unsicherheit. Es brauchte nicht viel, um sie auszulösen, nur eine Fuge, die zwei Steine voneinander fernhielt.
Ihre Fuge, die Fuge, die alles trennte, alles fernhielt, war so viel größer. Unüberwindbar. Statt Straucheln gäbe es nur freien Fall, wenn man es mit ihr aufnehmen würde. Groß und massiv hatte sie sich in ihrer Stadt breit gemacht. Letztes Jahr im August, sie erinnerte sich an den Tag, als wäre es der heutige, hatte sie plötzlich dagestanden, die Trennung zwischen ihnen und der Freiheit.
Selbst ein Jahr später hatte sie sich noch nicht daran gewöhnt, an das eingesperrt sein und das tonnenschwere Gefühl auf der Seele, ausgelöst durch das Wissen nicht mehr einfach überall hingehen zu können, nicht mehr einfach alles machen zu können. Sie hasste es. Es engte sie ein, brachte sie beinahe zum Zerspringen. Die Freiheit war ihnen genommen, ersetzt durch die Angst. Angst vor der Mauer. Es hatte Gerüchte gegeben, ganz am Anfang, von Menschen, die es hinüber auf die andere Seite gewagt hatten. Ihr Magen wurde flau bei dem Gedanken an die Schießbefähigten hoch oben in den Türmen an der Mauer. Mittlerweile wagte sich kaum noch jemand hinüber. Man traute sich nicht mehr. Oder hatte man die eigene Situation mittlerweile einfach akzeptiert?
Sie erreichte das Ende der Einkaufsstraße, die in einem kleinen Platz endete und ließ sich auf einer Bank in der Sonne nieder. Überall ging es nicht weiter, irgendwann kam immer ein Ende.
Ob es den anderen ging wie ihr? Sie ließ ihren Blick über die wenigen Passanten schweifen, die an diesem heißen Sommertag in der Stadt unterwegs waren. Ob in ihnen die selbe Sehnsucht war?
Immer war da Sehnsucht. Immer schon. Nach Sieg, nach Frieden, nach Vergessen, nach Freiheit. Sie dachte an Helena, die auf der anderen Seite lebte und die sie seit dem Tag vor einem Jahr nicht mehr gesehen hatte, nicht sehen durfte. Sehnsucht.
Sie schloss die Augen und ließ die Sonne ihr Gesicht erwärmen. Die Sonne fühlte sich überall gleich an, hier, draußen. Vielleicht saß Helena ebenso auf einer Bank, dachte an sie und ließ sich die Sonne ins Gesicht scheinen. Vor der Mauer wären sie an einem Tag wie heute an den See gefahren, gemeinsam, um bis zur Dämmerung zwischen Sand und algigem Wasser in kichernden Gesprächen die Zeit zu vergessen. Heute saß sie hier, Helena drüben, vielleicht nur wenige hundert Meter entfernt. Unüberwindbar.
Sie stellte sich vor, wie es wäre, ohne die Mauer. Stellte sich vor in einen Zug zu steigen, einfach zu fahren, immer weiter, ohne, dass Mauern und Grenzen sie aufhalten würden. Ohne bewaffnete Schützen, die das Stück zwischen ihr und der Freiheit bis auf den Tod verteidigten. Ohne Sehnsucht. Sie wollte ihre Freiheit zurück.
Ob das irgendwann aufhören würde?

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