Gelesen&Gehört II – Mai 2020

Gelesen&Gehört II – Mai 2020

Meine Zuneigung zum geschriebenen Wort geschuldet, wandern immer wieder Bücher durch meine Hände, ihre Sätze durch meinen Kopf. Manchmal beschäftigen mich diese Sätze, diese Gedanken über das Ende des Buches hinaus und ich habe ein dringendes Bedürfnis in meinem Kopf ein bisschen Platz zu schaffen. Außerdem glaube ich, dass meine Ausführungen hier vielleicht als Anregungen für euch dienen können – um neues Gehirnfutter zu finden.
Ende des Jahres 2018 habe ich schon einmal einen Beitrag zu Büchern, Filmen und Musik geschrieben und wollte es schon damals zu einer regelmäßigen Kategorie machen. Bisher habe ich das nicht geschafft und ich werde mich damit auch nicht unter Druck setzen und nur Eindrücke teilen, die mich selbst wirklich begeistert und/oder beschäftigt haben. 
In dieses Gelesen&Gehört haben sich auch zwei Bücher geschummelt, die ich bereits in vorangegangenen Monaten gelesen haben, die mich allerdings gedanklich so eingefangen haben, dass ich sie euch gerne vorstellen will. 

1 – Call me by your name – Andrè Aciman
Die kurze, aber berührende Geschichte erzählt von einem Jugendlichen – Elio, der seinen Sommer verbringt und dabei seine erste Liebe erfährt. Die Handlung wird dabei ausschließlich aus der Sicht des Jungen erzählt, was den Leser einfach wunderbar in die Gefühle eines 17-jährigen Teenagers eintauchen lässt. Es ist Sommer in Italien, irgendwann in den 1980er Jahren und in das Haus der Familie zieht ein amerikanischer Wissenschaftler, Oliver ein, der den Sommer über für Elios Vater arbeitet.
Ich hatte vor fast einem Jahr zuerst den Film geschaut und war damals schon so unglaublich berührt von der feinfühligen Art des Erzählens. Das Buch zu lesen schien mir als unumgänglich, weil ich noch tiefer in die Gefühlswelten dringen wollte, noch mehr verstehen wollte. Ich muss ehrlich gestehen, dass das Buch und ich einen schwierigen Anfang hatten, was zum Teil auch daran lag, dass der Film so großartig war. Als ich mich dann allerdings in den sprachlichen Stil eingefunden hatte, konnte ich die Geschichte gar nicht mehr weglegen. Das Buch erzählt so wunderbar von Begierde, Verlangen und unschuldiger, jugendlicher Liebe und ist dabei so schonungslos ehrlich. Dadurch dass man während des Lesens tief im Kopf Elios sitzt, kann man die Teenagergefühle fast schon selbst fühlen. Er denkt Dinge, die wir alle schon gedacht haben, die aber irgendwie unangenehm sind, über die man nicht einmal mit seinen engsten Freunden redet. Scham und Vorsicht spielen ebenfalls eine Rolle und die Thematik des Verbotenen dieser Liebesbeziehung schwingt ehrlich und unterschwellig mit. Man beginnt ein wenig mehr zu verstehen, wie es damals gewesen ist, wenn man außerhalb einer gesellschaftlich akzeptierten Norm geliebt hat.
Absolut lesenswertes Buch und ich bin gespannt auf die Fortsetzung, die jetzt erschienen ist. Pflichtprogramm dazu ist auch der Film, weil der eigentlich genauso gut ist, wie die geschriebene Geschichte. 

2 – Glücksreaktor – Max Wolf
Eine Geschichte mit einem ganz anderen Thema und Gefühlen auf einer ganz anderen Ebene. Es geht um Fred, einen 17 jährigen Jungen aus der Kleinstadt, der irgendwann in den 1990er das unbedingte Gefühl hat, aus dem vorgestanzten Leben seiner Eltern ausbrechen zu müssen und rebellieren zu müssen. Zu Beginn tut er das vor allem mit seinem besten Freund Nick und Marihuana, dann entdeckt er Techno und die Welt der chemischen Drogen für sich. Er gerät im Laufe des Buches in einen Strudel, der irgendwann seinen gesamten Alltag beherrscht.
Ich hatte mir das Buch gekauft, weil ich unbedingt etwas über dieses Techno-Gefühl lesen wollte, in dem ich mich selbst lange befunden hatte. Ich wollte eine Geschichte, die anders ist, als es die typischen Drogengeschichten so sind. Eine Geschichte, die Fragen und Diskussionen aufwirft, aber nicht verallgemeinert. Zu Beginn war ich noch schwer begeistert, die Gefühle, die einen in solchen Clubnächten durchströmen waren richtig greifbar und auch die rebellische Denkweise des Protagonisten hat mich angesprochen. Das Ausbrechen aus der Norm, die Verweigerung das selbe langweilige Leben zu führen, wie es die Elterngeneration tat, beschäftigt immerhin auch meine Generation. Außerdem malt die Geschichte ein schönes Bild der Szene, wie sie in den 90er Jahren war, in ihrem Ursprung.
Dann allerdings rutscht Fred ab und auch die Geschichte, wie ich finde. Er verliert sich, wie schon so viele Figuren in Drogenromanen vor ihm, in einer ungesunden Wiederholung aus feiern bis in die Mittagsstunden, Drogen nehmen ohne Pause und erschöpft und antriebslos rumhängen. Ab diesem Punkt driftet alles schnell ins Unangenehme ab, stellenweiser Ekel kommt auf. Was ich mochte, war die Art des Autors zu schreiben. Irgendwann nimmt alles unzusammenhängende Züge an, alles ist durcheinander, was der Sprachstil gut rüberbringt.
Schlussendlich hatte ich mir etwas anderes gewünscht. Trotzdem hat es mich zum nachdenken gebracht, auch darüber, ob wir uns im Umgang mit Drogen nicht irgendwie alle ganz schön belügen.

3 – Herkunft – Sasa Stanisic 
Bisher glaube ich mein Favorit dieses Jahr, weil das Thema so aktuell wie eh und je ist und wir alle viel zu wenig darüber nachdenken. Herkunft ist autobiographisch und erzählt davon, wie der Autor im ehemaligen Jugoslawien geboren wird und dann damit konfrontiert wird, wie seine Heimat untergeht, einfach nicht mehr existiert. Er geht selbst auf die Suche nach Herkunft, was es bedeutet, für ihn, für seine Familie und woran man dieses Wort festhalten kann. Orte? Gefühle? Personen? Erinnerungen?
Nur wenige Bücher haben es geschafft meinen Kopf so sehr zu beschäftigen, wie dieses. Ich bin in mich gegangen und war gezwungen mich selbst mit der Frage auseinanderzusetzen, was Herkunft für mich bedeutet und wie ich meine Herkunft definiere. Das Buch erzählt so schön und ehrlich vom Zufall der Herkunft, was mit diesem Wort einhergeht und wie Nationen und Grenzen gleichzeitig so viel und so wenig bedeuten. Eine Frage, die seitdem durch meinen Kopf geistert und auf die ich noch immer eine finale Antwort gefunden habe: Was bedeutet Nation überhaupt, für mich, für die Welt, für die Gesellschaft?
Für diese Geschichte spreche ich nicht nur eine Empfehlung aus, sondern beinahe einen Befehl sie zu lesen, weil die Gedanken daran so wichtig sind.

Außerdem gelesen habe ich dieses (https://www.zeit.de/kultur/literatur/2010-11/interview-beigbeder) der Zeit mit dem französischen Schriftsteller Frederic Beigbeiger. Er redet dort über Glück/Unglück, Drogen und Facebook und hat dabei sehr exzentrische aber zum nachdenken anregende Ansichten. Der Artikel hat mich dazu gebracht einen Roman von ihm zu lesen, weil mich seine pessimistische Art einfach eingefangen hat.
Obwohl ich nicht mit allem d’accord gehe, was er schreibt bzw. sagt, regt er doch die Gedanken an.

Fürs erste war es das mit meinen schriftlichen Empfehlungen. Doch neben dem geschriebenen Wort ist natürlich noch das ein oder andere, was fesselt und einfängt. Die drei folgenden Songs bzw. Alben sind für mich persönlich so aufgeladen mit Gefühlen, dass ich sie mit euch teilen muss. 

Angefangen mit Harlem River von Kevin Morby, den ich nur ganz zufällig entdeckt habe, weil er in meinem Spotify-Mix der Woche war (Shoutout an diese Funktion an der Stelle!). Der Titel klingt bei mir fast täglich durch die Kopfhörer und ich verbinde so viele Erinnerungen und Gefühle mit ihm, dass ich ihn vielleicht auch gar nicht mehr neutral betrachten kann. Ich finde, dass er so richtig zum grübeln und träumen einlädt. Er ist relativ unaufgeregt, aber klangflächig und schön melancholisch, aber auf eine gute Art und Weise.

Gentle Spirit von Jonathan Wilson ist direkt ein ganzes Album, was ich euch ans Herz legen will. Für mich klingt es irgendwie nach Sommer, nach Roadtrip und Urlaub. Ich habe es das erste Mal während eines Spaziergangs in der Sonne gehört und es direkt geliebt. Mein Favorit ist Desert Raven.

Zuletzt ein etwas anderer Titel. Old Chap – Ninze (Billy Casos Pinapple Remix) steht für mich für Sehnsucht in den letzten Monaten. Der Song klingt nach Freiheit, nach Sommer und nach durchgetanzten Nächten. Wenn der Titel läuft und ich die Augen zumache, sehe ich mich direkt am Strand in der Sonne, die Füße im Sand, wie sie im Takt über den Strand streichen. 

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